Ein Interview

Danke an Anna, Aleyna, Kim, Grete, Feli (alle 9b) und Hugo (9a)

Wrn

Ich bin Mitte Juni durch die Schule gegangen und habe viele Kärtchen mit Posts zum Thema Gender, Geschlechtergerechtigkeit und Feminismus bemerkt. Ihr seid die Köpfe hinter dieser Aktion. Was hat es mit den Kärtchen auf sich?

Wir beschäftigen uns viel mit dem Thema. Besonders feministische Themen werden viel in sozialen Medien besprochen und von uns nachgelesen. Es gibt immer wieder neue Ereignisse, die die Wichtigkeit und Aktualität des Themas bestätigen. Gerade jetzt im „Pride Month“ Juni gibt es viele Aktionen zu den Themen sexuelle Orientierung, Persönlichkeit und Individualisierung. Im Juni feiern und demonstrieren Millionen Menschen weltweit für die Rechte der queeren Community.

Die queere Community setzt sich aus Menschen zusammen, die durch den Ausdruck einer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität von der gesellschaftlichen Cisgender-Heteronormativität abweichen. Cisgender-Heteronormativität heißt, dass es zwei Geschlechter gibt (Mann und Frau) und diese unterschiedlichen (hetero) Geschlechter eine Beziehung eingehen. Der Pride Month soll an die Stonewall Aufstände in der Nacht zum 28. Juni 1969 in New York erinnern, bei denen der Grundstein der modernen LGBTQIA+-Bürgerrechtsbewegung gelegt wurde. Jeden Tag gibt es Aktionen, die eine Gruppe der queeren Community in den Vordergrund stellen. LGBTQIA+ steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Intersex, Asexual, + alle anderen.

Unsere Aktion soll alle Beteiligten der Schule auf diese Vielfältigkeit aufmerksam machen und den Menschen dieser Community einen Raum geben. Im alltäglichen Schulleben kommen diese Themen aus unserer Sicht zu kurz, sodass es einen großen Aufklärungsbedarf gibt.

Gutes Stichwort. Die Kärtchen sind fast im gesamten Schulgebäude verteilt. Welche Orte sind das genau?

 

Wir haben Orte ausgesucht, an denen möglichst viele an einem normalen Schultag vorbeikommen. Die Kärtchen hängen an den Durchgangstüren, in den Pausenhallen und auf den Toiletten.

Ich finde, dass ihr die Orte gut gewählt habt. Besonders an den Glastüren fallen die Karten sofort auf. Ich bin mir sicher, dass fast alle mindestens eine Karte gelesen haben. Wie waren die Rückmeldungen auf eure Aktion?

Die Rückmeldungen waren ganz unterschiedlich. Von den Lehrer:innen haben wir viel positives Feedback bekommen. Besonders die aufmunternden Sprüche auf den Toiletten wurden dabei erwähnt. Die Kärtchen im Schulgebäude wurden teilweise belächelt und es wurde gefragt, warum man so etwas hier macht. Einige haben auch gesagt, dass man diese „Hinweise“ nicht braucht, weil es kein Problem damit gäbe. Außerdem wurden einigen Zettel abgerissen oder durchgestrichen. Andere wurden ergänzt, was uns sehr gefreut hat.

Das Zerstören zeigt aus meiner Sicht, dass es sich für viele um ein unangenehmes oder unbekanntes Thema handelt. Sind von euch noch weitere Aktionen zur Aufklärung geplant?

Erstmal war es ganz schön viel Arbeit die Sprüche, Fotos und Abbildungen zu finden und sie gut im Schulgebäude zu verteilen, deshalb ist es vorerst bei dieser einen Aktion geblieben. Für die Zukunft planen wir aber weitere Aktionen, weil wir weiter Bedarf bei der Aufklärungsarbeit sehen.

Ihr habt am Anfang schon gesagt, dass ihr euch über soziale Medien informiert und austauscht. In der Schule gibt es hingegen wenige Angebote. An welchen Punkten im Schul- und Unterrichtsalltag könnte man diese Themen aufgreifen?

Am besten im Politik- oder im Biologieunterricht. Wobei der „Sexualkundeunterricht“ in Biologie sehr knapp ist und fast ausschließlich die biologische und naturwissenschaftliche Seite des Themas beleuchtet. Im Vordergrund stehen die Veränderungen des Körpers und die Empfängnisverhütung. Aber gerade das ist ein Thema, das auf Mann und Frau reduziert wird bzw. nur heteronormative Paare betrifft. Uns geht es ja in erster Linie darum, dass alle so leben können wie sie möchten, deshalb ist es für uns eher ein gesellschaftswissenschaftliches Thema.
Wir würden uns auch darüber freuen, wenn es über den Unterricht hinaus ein Angebot für Interessierte gäbe. In Gruppen könnte man sich über die Themen austauschen und auch gemeinsam etwas für alle planen. Wir haben das mal gemacht, als wir in geschlechtergetrennten Gruppen über Sucht und Herausforderungen des Erwachsenwerdens gesprochen haben. Das war ein guter Rahmen, um auch über (sensible) Themen ins Gespräch zu kommen.

Wie sieht es mit den Gesundheitstagen an unserer Schule aus?

Das haben wir auch schon überlegt und wir halten es für eine gute Idee. Auch unsere Besprechungen, die wir gerade erwähnt haben, haben direkt nach den Gesundheitstagen stattgefunden. Für uns gehört die körperliche und psychische Entwicklung, der eigene Lebensstil, die sexuelle Orientierung und der Umgang damit zum Thema Gesundheit, deshalb wären die Gesundheitstage der richtige Rahmen.

Habt ihr noch eine Ergänzung?

Ja. Wir wünschen uns, dass alle, die Ungerechtigkeiten im Alltagsleben bemerken, etwas dazu sagen. Viele kennen sich gut aus und haben viel über soziale Medien oder auch die Schule aufgenommen. Aber wenn es zu Situationen kommt, in denen Sexismus oder Ausgrenzung stattfinden, dann sagen aus unserer Sicht zu wenige etwas.

Warum ist das wohl so?

Meistens sind die Personen, die etwas Falsches sagen oder sich falsch verhalten, Autoritätspersonen oder sie sind einfach älter. Zudem sind sie häufig schlechter aufgeklärt, weil die Themen früher noch nicht so eine wichtige Rolle gespielt haben. Außerdem ist das Thema für viele ein Tabuthema oder wenigstens mit Scham behaftet, weil zu wenig über die sexuelle Orientierung gesprochen wird.

Ich habe noch eine letzte Frage: Ihr seid aus der 9a und 9b, wie sieht es mit den übrigen drei neunten Klassen aus?

Wir stehen auch in Kontakt zu einzelnen Schüler:innen aus den anderen Klassen. Auch dort haben einige gute Ideen, aber es ist noch zu keinen großen Treffen gekommen. Vielleicht schaffen wir es im neuen Schuljahr.

Vielen Dank!

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